Geschichten des Scheiterns verkaufen sich besser

Geschichten des Scheiterns verkaufen sich besser

Vorsichtiger Optimismus und Erleichterung über den Erfolg der vorangegangenen Schritte

So würden wir die Stimmung der aktuell acht (und vielleicht bald neun) Mitglieder unserer Hausprojektgruppe beschreiben. Endlich ist die Phase der Bankensuche, und Behördengänge vorbei. Wir müssen keiner Bank mehr erklären, wie das Mietshäusersyndikat funktioniert, wie die Besitzverhältnisse im Modell geregelt sind, wie das dafür sorgt, dass alle Bewohner_innen sich gleichermaßen für das Dach über ihrem Kopf verantwortlich fühlen, wie sie mit entscheiden können, aber auch mitverantwortlich sind. Wir müssen uns nicht mehr damit herumschlagen, Unterlagen zu besorgen oder anzufertigen, die den Mitarbeiter_innen, den Entscheidungsgremien, der Software dieser Banken ermöglichen, uns neben den gewohnten Einfamilienhäusern und dem konventionellen Mieter Vermieterverhältnis abzubilden. Wir müssen nicht mehr Behörden hinterher telefonieren, um irgendwelche Unterlagen zu erfragen, nur um zu erfahren, dass unsere Anfrage einfach nicht bearbeitet und kommentarlos archiviert wurde. Das war ein anstrengender Prozess. Das war ein Prozess, der von Unsicherheiten, ob es nun klappt oder nicht, durchzogen war. Drei Jahre lang. Und das ist nicht mal ein Viertel der Geschichte. Dem vorausgegangen war zudem noch der Kampf um den Kauf des Hauses, der für uns mittlerweile eine ferne Erinnerung ist, aber nicht weniger langwierig und anstrengend war. Das haben wir uns sicherlich anders vorgestellt. Das war aber auch ein langweiliger Prozess, denn er bestand aus Zahlen und Buchstaben auf Papier. Wie oft kann man auf Instagram posten, dass man eine Unterschrift gesetzt, ein Dokument besorgt, ein Gutachten beauftragt hat? Im Gegensatz zu Baustellenfotos war dieser gesamte Vorgang extrem uninteressant, weshalb es von außen häufig so aussah, als würde wenig bis nichts passieren, intern ist jedoch einiges passiert. Sonst wären wir jetzt nicht an dem Punkt, an dem wir sind: Vollfinainziert, und startklar, dass Haus wieder so fertig zu machen, dass man darin wohnen kann, nachdem wir die letzten Jahre, aus eigener Kraft und mit vielen Helfenden, das Haus entkernt haben.

Viel ist passiert

Für das „untrainierte Auge“, wie Herr Becker in seinem Artikel schreibt, sieht es aber anscheinend auch so aus, als wäre im Haus selbst nicht viel passiert. Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben den Müll der Jahrzehnte vom Keller bis zum Dachboden entsorgt, Boden- und Wandbeläge entfernt, Bausünden zentimeterweise vom ehemals schönen Dielenboden gekratzt, 20 Tonnen Schüttung über Kopf aus den Decken geholt, Leitungen aus dem Putz geschlagen, meterweise Wände und zig Türrahmen entfernt und abgebrochen, allerlei Nägel, Klammern, Schrauben, Dübel, Befestigungen und Kladderadatsch aus Wänden und Balken gezogen, wir sind dutzende Male zum Schrottplatz und zum Wertstoffhof gefahren, haben etliche Mulden mit Schutt gefüllt, einbetonierte Sanitäranlagen rausgekloppt, Putz abgeschlagen, Löcher notdürftig geflickt, einen Wasserschaden bekämpft, Schimmel eingedämmt, Helfer_innen koordiniert und bekocht, Abläufe auf der Baustelle geplant, Werkzeug gekauft, sortiert und geordnet, die Baustelle immer wieder aufgeräumt und Grünzeug entfernt (die Liste ist höchst unvollständig). Auch nach dieser Aufzählung bleibt noch vieles im Verborgenen, das wir als Gruppe, oder einzeln und all die Menschen, die uns geholfen haben in den letzten Jahren geleistet haben. Unentgeltlich, in der Freizeit, parallel zu Banken- und Behördenwahnsinn, in einer Gruppe, die Entscheidungen gemeinsam trifft und sich dafür Zeit nehmen muss. Das kann das „untrainierte Auge“ vielleicht gerade so erahnen. Wenn der Staub sich gesetzt hat.
Soviel dazu, wie wir den Stand unseres Projekts erleben.

Stocken, wo es doch jetzt richtig losgeht?

In seinem Artikel zieht Herr Becker Bilanz Das Selbstorganisiert Wohnprojekt „Initiative Petristraße 2 stockt“ – so sagt zumindest der Titel. Das entspricht nicht unserer Sicht. Im Verlauf des Artikels benennt Herr Becker zudem noch weitere Punkte, die wir so nicht stehen lassen können.
Aus dem oberen Teil, der direkt als Reaktion aus unserer Gruppe kam, wird, denken wir, ersichtlich, dass wir in den letzten Jahren nicht untätig waren. Viel ist passiert, einiges hat sich gezogen, aber nie, weil wir das so wollten, sondern weil neue Ideen, die in alte Formulare gepresst werden müssen, eben nicht von heute auf morgen fertig sein können.
Den Titel des Artikels „Bielefelder Millionen-Projekt an der Petristraße stockt“ nutzt Herr Becker, unserer Meinung nach, um einen Vergleich mit dem Bau nebenan zu initiieren. Dabei wird das „sozialistische Mitmachmodell“ (die P2) mit dem Bau des Acht-Familien-Hauses nebenan verglichen. Dass dieser Vergleich nicht nur hinkt, sondern auch noch von falschen Aussagen über unser Projekt gespickt ist wollen wir klarstellen.
Was der „sozialistische Bautrupp“ sich vorgenommen hat, hat der „kapitalistische Quoten König“ längst umgesetzt, das geht aus Herrn Beckers Artikel hervor. Mit sozialem und bezahlbarem Wohnraum wurde geworben – Und jetzt? Alles teuer und viel zu langsam. Die Bilanz: Das Projekt Petristraße 2 ist gescheitert. Die politische Ideologie des Projekts ist nicht in die Praxis umgesetzt worden, anstatt Sozialwohnungen müssen nun „wohlsituierte Sympathisanten“ händeringend zum Einzug motiviert werden, damit am Ende dieses finanzielle Disaster überhaupt von irgendjemandem bewohnt wird. Als Anlass für die defizitäre Analyse des Projekts nahm Herr Becker wohl kürzlich gemachte Aussagen zum Quadratmeter-Mietpreis des Projekts. Wie er richtiger Weise rezitiert, hat das Projekt vor sieben Jahren, das heißt vor einer Wertsteigerung von Rohstoffen und Baukosten im Zuge der Corona-Krise, dem russischen Angriff auf die Ukraine und jetzt auch dem Angriff auf den Iran mit den Auswirkungen auf den Ölmarkt und einer anhaltende steigenden Inflationsrate, mit wesentlich niedrigeren Mieten gerechnet. Uns wäre es auch lieber, wenn wir diesen Stand hätten halten können, aber das ist, aufgrund der Lage, in der sich die Welt gerade befindet, schlicht unmöglich.

Selbstbestimmter Wohnraum vs. Damoklesschwert der Vermieterwillkür

Relavant(er) ist aus unserer Sicht jedoch, der nächste Punkt. Warum sind die angestrebten Mieten in der Petristraße 2 heute schon teurer, als im Beispiel des Hauses nebenan in 30 Jahren? Oder viel wichtiger, warum ist diese Aussage zwar formal korrekt, hat aber mit dem Kern der Sache wenig zu tun?
Ganz einfach:
Zunächst einmal handelt es sich bei der Sanierung der P2 um die Kernsanierung eines Altbaus. Die Planung und Sanierung dauern länger und sind kostenintensiver als ein Neubau, mit dem hier verglichen wird. Warum machen wir das trotzdem? Weil es Dinge gibt, die es wert sind, erhalten zu bleiben.
Zweitens sind die Ideen und Ziele, die hinter unserem Projekt stecken gänzlich andere, als die, mit denen wir verglichen wurden. Ziel des MHS ist es, Wohnraum dauerhaft dem Markt zu entziehen um Wohnraum zu schaffen, dessen Sinn und Zweck es ist, Wohn- und Begegnungsraum zu sein und nicht Einnahmequelle. Ein durch staatliche Subventionen realisierter Neubau, wie wir ihn an viele Stellen in der Stadt finden können, und mit welchem wir verglichen werden, mag zunächst günstigere Mieten versprechen, jedoch endet dort die Deckelung des Mietpreises nach einigen Jahren. Solche Projekte werden dann oftmals gewinnbringend verkauft und die Mieten erhöhen sich – diesen Werdegang wollen wir Herrn Kollmeyer natürlich nicht unterstellen, hier geht es um das grundsätzliche Konstrukt, auf dem die beiden Projekte beruhen. Unsere Mieten bleiben also, auf einen längeren Zeitraum betrachtet günstig(er) als bei den allermeisten Neubauprojekten, da unser Ziel nicht Rendite ist, sondern Wohnraum.
Herr Becker vergleicht zwei, im Wesen unterschiedliche Bauvorhaben und das ist sehr schade. Denn die Umsetzung eines Projekts, das sich dem herkömmlichen Eigentumsprinzipien versucht zu entziehen ist nicht leicht und stößt auf viele
institutionelle Hürden. Ein ‘einfaches‘ Neubauprojekt beantwortet die ‘Frage wie schaffen wir schnell Wohnraum?‘. Das „sozialistische Mitmachen Modell“ stellt sich die Frage ‘Wie verhindern wir das Wohnraum zum Spekulationsobjekt wird?‘ Den Vergleich anhand der beiden Kennzahlen Dauer des Projekts und Einstiegsmieten basiert ganz einfach auf einem gravierendem Denkfehler der die langfristige Preisentwicklung, die Eigentumsstruktur und die Machtverhältnisse zwischen Mieter_innen und Vermieter_innen ausblendet. Was in Herrn Beckers Artikel als Effizienz gefeiert wird, ist in Wirklichkeit nur die kurzfristige Logik eines System das Wohnraum überhaupt erst zu einer Ware gemacht hat. Wie viele Menschen in Deutschland leben in prekären Wohnsituationen, verlieren ihren Bezugsort wegen Eigenbedarf oder können sich die Miete nach der
Sanierung nicht mehr leisten? Der schnelle, staatlich geförderte Neubau produziert heute günstige Mieten und liefert die Bewohner_innen morgen wieder dem Markt aus. Das Mietshäusersyndikat ist kein langsamerer Wettbewerber, sondern die bewusste Absage an genau dieses Spiel. Wer diese beiden Modelle gegenüberstellt oder gegeneinander ausspielt, vergleicht nicht Lösungen – sondern verwechselt Ursache und Gegenentwurf.

Integrität statt Zwietracht

Zuletzt eine Kleinigkeit: Uns sind weder das erste noch das zweite Architekturbüro „abgesprungen“, wie Herr Becker schreibt. Mit unserem ersten Architekten, war von Beginn an nicht das gesamte Projekt geplant, sondern nur die Begleitung für den ersten Bauantrag und die erste, grobe Kosteplanung. Bei dem Büro, mit dem wir jetzt zusammenarbeiten, haben sich die beiden Geschäftsführer getrennt, uns ist aber unser Ansprechpartner dort auf ausdrücklichen Wunsch seinerseits treu geblieben. Uns gehen also nicht die Architekten abhanden.
Neben all der Aussagen über unser Projekt, die schlicht nicht der Wahrheit entsprechen, trieft der Artikel von Herr Becker allerdings auch noch vor Polemik. Grundsätzlich sind wir kritikfähig und begrüßen konstruktive Kritik ausdrücklich. Wir sind immer offen für Anregungen.
Abschließend noch eine Frage an Sie Herr Becker: Sie schreiben, auf ihrer Seite bei der Neuen Westfälischen selbst, dass sie die Stadt gerne gerechter und lebenswerter machen wollen. Und dann schreiben Sie einen Artikel, in dem sie einem Projekt, dass genau diese Ziele verfolgt, zuschreiben, gescheitert zu sein? Und das auf Grundlage von Aussagen, die nicht stimmen und einem Vergleich, der nicht funktioniert? Jetzt befinden wir uns in einer Position, in der wir uns gezwungen sehen einiges klarzustellen. Das kostet Kraft und Zeit, die wir alle lieber in den Fortschritt der P2 investieren würden, damit das Ganze nicht zu einer „Bauruine“ wird, wie sie so schön ihren Artikel schließen. Denn wir sind keine Geschichte des Scheiterns, auch, wenn Sie sie uns als eine solche verkaufen wollen.
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